„Jeden 1. Mai bin ich mitmarschiert“

Veröffentlicht am 14.10.2016 in Service

Aus dem OVB (Waldkraiburg) vom 14.10.2016

Jochen Fischer, Altbürgermeister und Ehrenbürger, ist seit 70 Jahren in der Gewerkschaft. Als 14-jähriger Lehrling trat er 1946 ein. Gestern wurde er in einer Versammlung der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie, Energie mit anderen Mitgliedsjubilaren für die Treue zur Gewerkschaftsbewegung geehrt.

Waldkraiburg – Im Interview erinnert sich der heute 84-Jährige, der aus Schlesien stammt, an die Zeit, als er in die Gewerkschaft eintrat. Und Fischer sagt, warum er Gewerkschaften bis heute für unverzichtbar hält, allen Krisen, denen sie ausgesetzt sind, zum Trotz.

Herr Fischer, 1946, wie war damals Ihre persönliche Situation?
Ich war 1945 mit meiner Mutter auf einem Bauernhof ...

in Niederbayern untergekommen. Wir haben in der Landwirtschaft mitgearbeitet. Ein Ingenieur namens Thoma, ein Geometer, kam auch auf diesem Hof unter. „Bub, Du musst doch einen Beruf lernen“, hat er mir gesagt. Daran war damals so kurz nach dem Krieg nicht zu denken, so viele hatten keine Arbeit. Aber über ihn und auf Empfehlung seiner Mutter bin ich zu Wacker in Burghausen gekommen. Am 16. September 1946 durfte ich anfangen, ein paar Wochen, nachdem das neue Ausbildungsjahr begonnen hatte. Weil ich später einsteigen durfte, hatte mich der Ausbildungsleiter auf dem Kieker. Am ersten Tag musste ich auf die Halde Karbidschlacke ausladen. Das war eine Hundsarbeit, im alten Asbestanzug und mit einer Schutzbrille, die nur noch ein Glas hatte.
Und die Ausbildung?
Ich habe zuerst zwei Jahre eine Ausbildung zum Laborjungwerker gemacht, danach noch einmal eineinhalb Jahre die Ausbildung zum Laboranten. Beide Prüfungen habe ich praktisch und in der Theorie mit „sehr gut“ gemacht. Danach war ich in der Silikonabteilung. Aber weil ich das Gefühl hatte, nicht so recht vorwärtszukommen, bin ich für drei Jahre nach Schweden und habe dort in einer Firma als Betriebsassistent gearbeitet. Die Stelle war in einer Gewerkschaftszeitung ausgeschrieben.
Warum sind Sie in die Gewerkschaft eingetreten?
Meine Eltern waren in der Weimarer Republik auch in der Gewerkschaft. Das war also gewissermaßen Tradition in der Familie. Mein Bruder war später bei der IG Metall hauptamtlich tätig. Für mich war das also selbstverständlich, als mich der damalige Betriebsratsvorsitzende und spätere Burghauser Bürgermeister Schenk ansprach.
Ist das im Betrieb gern gesehen gewesen?
Das war kein Thema. Das war bei Wacker selbstverständlich, dass man gewerkschaftlich gebunden war. In Schweden gab es sogar den Zwang beizutreten. Die Firma hätte mich nicht nehmen können, wenn ich nicht Mitglied in der Gewerkschaft gewesen wäre.
„Wir hatten 48 Wochenstunden und jede Menge Übestunden“
Waren Sie in der Gewerkschaft und im Betriebsrat aktiv?
Ich war bei Wacker Jugendvertreter und habe Interessen der Lehrlinge im Betriebsrat vertreten. Damals war die Jugend besser drauf als heute, wenn es um Interessenvertretung und Gewerkschaftsarbeit ging.
Wofür haben sich die Gewerkschaften denn damals eingesetzt?
Die Löhne waren sehr niedrig. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter, die eigentlich Näherin war und nach dem Krieg in einer Färberei arbeitete, anfangs 38 Pfennig in der Stunde hatte. Höhere Löhne, das war ein Hauptziel der Gewerkschaft. Und es ging um die Frage der Wohnungen, darum wie die Werkswohnungen, die es bei Wacker gab, sauber und ordentlich verteilt werden. Ein großes Thema war die Arbeitszeit. Wir hatten 48 Stunden Wochenarbeitszeit und jede Menge Überstunden dazu. Dabei standen noch so viele Leute auf der Straße. Urlaub hatten wir auch, als Lehrlinge acht Tage im Jahr, die anderen sieben Tage.
Wie ging es beruflich für Sie weiter?
1954 bin ich nach Deutschland zurückgekommen. Nach Waldkraiburg, zur Lowi, die Matthias Thoma, der Bruder des Geometers, gegründet hatte. Mit Thomas Sohn Harald hatte ich bei der schwedischen Firma zusammengearbeitet. Das heißt, eigentlich habe ich in Waldkraiburg bei der Industriechemie Thoma gearbeitet, das war ein Anhängsel der Lowi. Da bin ich als Betriebsassistent eingestiegen. Bis 1974 bin ich bei der Lowi geblieben. Dann habe ich die TVA St. Erasmus übernommen.
Jetzt waren Sie der Chef. Hat das etwas an Ihrer Einstellung zur Gewerkschaft geändert?
Nein, ich habe das den Leuten auch immer gesagt, dass ich gewerkschaftlich organisiert bin. Ich bin jeden 1. Mai mitmarschiert. Heute geht das leider nicht mehr.
Was bedeutet Ihnen der 1. Mai?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo sich die Nationalsozialisten den 1. Mai unter den Nagel gerissen haben. Diese Aufmärsche sind mir nicht in guter Erinnerung. Aber mir war immer klar, dass dieser Tag, der den Arbeitern gehört, wichtig ist. Nach dem Krieg war das eine große Veranstaltung, da war alles auf den Beinen. Für viele Menschen heute hat der 1. Mai leider nicht mehr die Bedeutung. Ich bedauere das sehr, dass das Häuflein, das da mitgeht, so klein geworden ist.
Sie sind Mitglied der CSU, ein „Schwarzer“ also, die Gewerkschaften gelten als SPD-nah. Gab es da nie Probleme wegen der politischen Ausrichtung?
Das war kein Problem für mich. Ich hätte auch bei den Sozis sein können. In der Gewerkschaft habe ich weder für die SPD noch für die CSU geworben. Die Gewerkschaft ist überparteilich. Auseinandersetzungen in meiner Jugendzeit hatte ich höchstens mit Kommunisten. Die hatten was anderes im Sinn.
„Die Gewerkschaft ist immer auch ein Fels in der demokratischen Entwicklung“
Braucht es Gewerkschaften auch heute noch? Wofür?
Gewerkschaften scheinen an Aktualität zu verlieren. Da geht es den Gewerkschaften wie den Kirchen. Viele Leute sagen heute: Was soll ich in der Gewerkschaft, mir geht es ganz gut. Und das kostet auch noch einen Beitrag. Aber wir brauchen die Gewerkschaft. Sie ist immer auch ein Fels in der demokratischen Entwicklung. Und schauen Sie, wenn ich lese, dass Frauen für die gleiche Arbeit noch immer 23 Prozent weniger bekommen als Männer, dann stimmt doch da was nicht. Wenn das kein Thema für die Gewerkschaft ist.

Aus dem OVB (Waldkraiburg) vom 14.10.2016

 

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